AICA Deutschland zeichnet Kunstmuseum Wolfsburg aus

Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte erhält den Preis „Besondere Ausstellung 2025“
Das Kunstmuseum Wolfsburg gehört erneut zur Spitze der internationalen Museumslandschaft: Die AICA Deutschland e. V. (Association Internationale des Critiques d’Art) hat die von Andreas Beitin im Kunstmuseum Wolfsburg kuratierte Ausstellung Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte als die „Besondere Ausstellung 2025“ ausgezeichnet. Mit dieser seit 1996 vergebenen Ehrung würdigt der internationale Kunstkritik-Verband AICA Ausstellungen, die Maßstäbe setzen – konzeptuell, kuratorisch und gesellschaftlich.
Am Samstag, 31. Januar 2026, vergab die deutsche Sektion des internationalen Kunstkritik-Verbands AICA auf ihrer Jahresversammlung in der Hamburger Kunsthalle die Auszeichnungen „Museum des Jahres“, „Ausstellung des Jahres“ und „Besondere Ausstellung des Jahres“.
Die diesjährige Wahl für das „Museum des Jahres 2025“ fiel auf das Georg Kolbe Museum in Berlin. Nominator Jan Verwoert betonte: „Der Leitung gelingt es, unter budgetär höchst prekären Bedingungen einen Ort zu schaffen, der auf kleinstem Raum und beispielhafte Weise Konzentration, Selbstreflexion und kritisches Engagement in der Beschäftigung mit der eigenen Sammlung und aktuellen Kunst möglich macht“.
Zur „Ausstellung des Jahres 2025“kürt der deutsche Kunstkritikverband die Ausstellung „Fünf Freunde. John Cage, Merce Cunningham, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly“, die im Museum Ludwig Köln und im Museum Brandhorst in München zu sehen war. Nominatorin der Gruppe Ulrike Lehmann sieht das große Verdienst der Ausstellung darin, dass sie „die enge Verbindung der fünf Künstler und ihre Entwicklung nachzeichnet und dabei anhand der Werke auch die gesellschaftliche und politische Lage für queere Menschen in der McCarthy-Zeit für unsere Gegenwart reflektiert“.
Die Auszeichnung „Besondere Ausstellung 2025“ für Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte unterstreicht die herausragende Rolle des Kunstmuseum Wolfsburg als Ort international relevanter Gegenwartskunst und reflektierter kuratorischer Praxis. Bemerkenswert ist zudem, dass Andreas Beitin im Laufe seiner kuratorischen und leitenden Tätigkeit als bisher einziger Kulturschaffender in Deutschland in allen drei AICA-Kategorien – „Museum des Jahres“ (2018), „Ausstellung des Jahres“ (2018) und nun mit „Besondere Ausstellung“ – ausgezeichnet wurde.
Als Gründe für die Anerkennung der Auszeichnung nennt Ann-Katrin Günzel, AICA-Jurorin, unter anderem: „Es ist ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland und auch wenn ihre Arbeiten bereits andernorts zu sehen waren und sie in der Kunstwelt keine Unbekannte mehr ist – nicht zuletzt hat sie 2022 als erste Roma-Künstlerin ihre Heimat Polen auf der Biennale in Venedig vertreten – so überzeugt diese Ausstellung dadurch, dass sie schon in der räumlichen Setzung einen ästhetischen Erfahrungsraum erschafft, der die Besucher*innen einlädt, teilzuhaben an Geschichte und Geschichten der Rom*nja. […] Die aktuelle Relevanz dieser Ausstellung ist evident in einem politischen Klima der europaweit erstarkenden rechten Parteien sowie den damit verbundenen Ängsten vor Migration und dem ‚Fremden‘ und man muss sich nicht der Utopie hingeben, dass Kunst die Welt retten kann oder soll, aber die ‚alternative Geschichte‘ ist ein visionärer Hinweis auf die Möglichkeit einer neuen Perspektive.“
Die Ausstellung Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte ist im Kunstmuseum Wolfsburg an ihrer dritten und letzten Station zu sehen, nachdem sie bereits bei den Kooperationspartnern im Kunstmuseum Luzern und dem Henie Onstad Kunstsenter in Høvikodden, Norwegen, präsentiert worden ist. Die Erstauswahl der Kunstwerke erfolgte im Kunstmuseum Luzern durch die dortige Direktorin und Kuratorin Fanni Fetzer. Im Kunstmuseum Wolfsburg wurde die Schau durch weitere Werke ergänzt. Des Weiteren wurde in Kooperation mit dem ERIAC European Roma Institute for Arts and Culture eine „Nomadic Library“ integriert, eine mobile Bibliothek, die Literatur über weitere Rom*nja-Künstler*innen und allgemeine Informationen für die Besucher*innen bereitstellt.
Andreas Beitin, Kurator der Ausstellung und Direktor des Kunstmuseum Wolfsburg: „Über diese erneute Auszeichnung der AICA freue ich mich außerordentlich, da mir die Ausstellung mit Małgorzata Mirga-Tas eine echte Herzensangelegenheit ist. Die Themen ihrer eindrucksvollen Kunstwerke sind dringender denn je: Solidarität, Zusammenhalt, Widerstand und Empowerment. Bereits in Venedig auf der Biennale von 2022 war ich begeistert von ihren Werken und wenige Wochen später habe ich weitere auf der documenta gesehen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen habe, Małgorzatas beeindruckende Arbeiten bei uns in einem größeren Umfang zu zeigen. Besonders freut mich, dass wir fast den gesamten Zyklus aus Venedig präsentieren können. Ich gratuliere auch sehr herzlich den ebenfalls von der AICA ausgezeichneten Kolleg*innen: Kathleen Reinhardt vom Georg Kolbe Museum sowie Yilmaz Dziewior und Achim Hochdörfer.“
Programmhinweis
Im Rahmen von Volkswagen Group Art4All findet am 18. Februar 2026 um 17 Uhr im Kunstmuseum Wolfsburg eine Podiumsdiskussion mit anschließendem Artist Talk mit Małgorzata Mirga-Tas statt.
Im Zentrum der Diskussion steht die aktuelle gesellschaftliche Situation von Sinti*zze und Rom*nja in Europa sowie die Frage, wie antiziganistische Denkmuster sichtbar gemacht und überwunden werden können. Eingeladene Expert*innen aus Wissenschaft, Kultur und Gedenkarbeit diskutieren über historische Kontinuitäten von Ausgrenzung und über Perspektiven für eine gleichberechtigte Teilhabe von Sinti*zze und Rom*nja in einer pluralen Gesellschaft.
Im anschließenden Artist Talk (in englischer Sprache) spricht Małgorzata Mirga-Tas inmitten der Ausstellung über ihre künstlerischen Ursprünge, Arbeitsweisen und ihr aktivistisches Engagement. Ihre Werke stellen dominante stereotype Bildtraditionen radikal infrage und rücken bislang marginalisierte Stimmen und insbesondere weibliche Perspektiven in den Vordergrund. Moderiert werden die Gespräche von Andreas Beitin.
Zur Ausstellung
Małgorzata Mirga-Tas (*1978, Zakopane/Polen) verbindet in ihren großformatigen textilen Arbeiten Vergangenheit und Gegenwart zu einer vielstimmigen Erzählung über Romn*ja-Gemeinschaften. Themen wie Familie, Solidarität, Ausgrenzung und Selbstermächtigung stehen im Zentrum ihrer bildmächtigen Werke. Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt erstmals in Deutschland einen umfassenden Überblick über ihr Werk, darunter fast den gesamten international beachteten Zyklus Re-enchanting the World, mit dem Małgorzata Mirga-Tas auf der Venedig-Biennale für Furore sorgte.
Über die AICA
240 in Deutschland arbeitende Kunstkritiker*innen verschiedenster Generationen und Hintergründe sind Mitglieder der AICA Deutschland e.V. Der Verein ist Berufsverband, intellektuelles Forum und Interessensvertretung der Kunstkritik. Er steht in engem Austausch mit dem Dachverband AICA International. Diesem gehören heute 65 nationale Sektionen und eine Open Section mit insgesamt über 5.000 Kritiker*innen aus 95 Ländern an. Die rund 230 in der AICA zusammengeschlossenen Kritiker*innen, Autor*innen, Journalist*innen und Publizist*innen vergeben in jedem Jahr die Auszeichnungen „Museum des Jahres“, „Ausstellung des Jahres“ und „Besondere Ausstellung“.
Seit 2024 vergibt die AICA zusätzlich den AICA-Preis für Junge Kunstkritik und „Anstoß – das Kunstkritikstipendienprogramm der Jürgen Ponto-Stiftung in Kooperation mit AICA Deutschland. AICA Deutschland organisiert Veranstaltungen und Kongresse zu Fragen der Kunstkritik und meldet sich in kulturpolitischen Debatten zu Wort.
Foto: Ausstellungsansicht Małgorzata Mirga-Tas. Eine alternative Geschichte, Foto: Martin Ly.