On Nervous Grounds
Zwischen Wahn und Wirklichkeit
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In einer Welt am Kipppunkt, in der die Lust am Zerstörerischen und Destruktiven wieder ganz unverhohlen zelebriert wird, scheint die Wirklichkeit zunehmend durch den Filter der eigenen Emotionen wahrgenommen zu werden. Politische und soziale Spannungen versetzen die Menschen in eine kollektiv-nervöse und verletzliche Grundstimmung. An der Schwelle zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Selbst und äußerer Welt, erkundet die Ausstellung On Nervous Grounds den Moment, in dem ambivalente Emotionen entstehen.
Die meisten Gefühle sind, laut der Soziologin Eva Illouz, ein Dialog, den wir mit der Welt führen. Doch wie lässt sich ein solcher Dialog bewusst anstoßen und ein emotionaler Zustand sichtbar machen? Der Künstler Ariel Reichman beschäftigt sich intensiv mit der Verletzlichkeit des Menschen und hat mit seiner interaktiven Lichtinstallation I AM (NOT) SAFE eine Möglichkeit gefunden, dem individuellen Empfinden Ausdruck zu verleihen. Das Licht des sich verändernden Neonschriftzugs verweist zugleich darauf, dass Emotionen stets flüchtig und instabil sind.
Die Künstler Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques erinnern daran, dass Gefühle meist sozialer Natur sind. Sie beziehen sich in der Regel auf andere Menschen oder auf das eigene Selbst und treten besonders in Zeiten existenzieller Veränderungen in besonderer Intensität in Erscheinung. Die beiden Künstler geben Einblick in den emotionalen Zustand einer jungen Generation, die sich angesichts gesellschaftlicher Militarisierung oder erlebter Perspektivlosigkeit vereinzelt und isoliert fühlt. Ihre Werke machen uns zu Mitfühlenden, indem sie Empathie hervorrufen.
Nicht nur reale, sondern auch fiktive oder imaginierte Situationen können intensive Gefühle auslösen. Die fotografisch inszenierten Wirklichkeiten von Cindy Sherman und Jeff Wall sind so komponiert, dass das Unbehagen der dargestellten Szenen auf die Betrachtenden übergeht: Die stilisierten Momente, die an bekannte Filmszenen erinnern, erzeugen eine innere Unruhe. Noch mehr Raum für eigene Imagination lassen die Installationen von Rebecca Horn und Mithu Sen. Fern unseres gewohnten Erfahrungshorizonts wirken sie besonders exzessiv, theatral und zugleich sinnlich-poetisch. Dadurch erzeugen sie eine starke emotionale Spannung und machen ambivalente Empfindungen gleichzeitig erlebbar.
Emotionen sind jedoch nicht nur Ausdruck von Verletzlichkeit, sondern auch ein Weg, mit ihr umzugehen. Mit radikalen, oft ekstatischen Handlungen schaffen Künstler wie Christian Falsnaes oder Gilbert & George nicht nur verunsichernde Situationen, sondern setzen sich innerhalb ihrer Performances selbst ungewohnten Erfahrungen aus und machen sich bewusst verletzlich. Bereits vor einem halben Jahrhundert forderte Jürgen Klauke diese Verletzlichkeit heraus, indem er in seiner Kunst Genderkategorien und tradierte Vorstellungen überschreitet. Ohne die Realität zu interpretieren, nähert sich On Nervous Grounds über die Kunst von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart dem Empfinden unserer hoch emotionalisierten Gegenwart und dem Ort, an dem Emotionen entstehen.
Kuratorin
Elena Engelbrechter
Kuratorische Assistenz
Linus Jantzen
Magazin
Presse












