On Nervous Grounds

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

9. 5. — 27. 9. 2026

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In einer Welt am Kipppunkt, in der die Lust am Zerstö­re­ri­schen und Destruk­tiven wieder ganz unver­hohlen zelebriert wird, scheint die Wirklich­keit zunehmend durch den Filter der eigenen Emotionen wahrge­nommen zu werden. Politi­sche und soziale Spannungen versetzen die Menschen in eine kollektiv-nervöse und verletz­liche Grund­stim­mung. An der Schwelle zwischen Wahn und Wirklich­keit, zwischen Selbst und äußerer Welt, erkundet die Ausstel­lung On Nervous Grounds den Moment, in dem ambiva­lente Emotionen entstehen.

Die meisten Gefühle sind, laut der Sozio­login Eva Illouz, ein Dialog, den wir mit der Welt führen. Doch wie lässt sich ein solcher Dialog bewusst anstoßen und ein emotio­naler Zustand sichtbar machen? Der Künstler Ariel Reichman beschäf­tigt sich intensiv mit der Verletz­lich­keit des Menschen und hat mit seiner inter­ak­tiven Licht­in­stal­la­tion I AM (NOT) SAFE eine Möglich­keit gefunden, dem indivi­du­ellen Empfinden Ausdruck zu verleihen. Das Licht des sich verän­dernden Neonschrift­zugs verweist zugleich darauf, dass Emotionen stets flüchtig und instabil sind.

Die Künstler Heinkuhn Oh und Sylvain Couzinet-Jacques erinnern daran, dass Gefühle meist sozialer Natur sind. Sie beziehen sich in der Regel auf andere Menschen oder auf das eigene Selbst und treten besonders in Zeiten existen­zi­eller Verän­de­rungen in beson­derer Inten­sität in Erschei­nung. Die beiden Künstler geben Einblick in den emotio­nalen Zustand einer jungen Genera­tion, die sich angesichts gesell­schaft­li­cher Milita­ri­sie­rung oder erlebter Perspek­tiv­lo­sig­keit verein­zelt und isoliert fühlt. Ihre Werke machen uns zu Mitfüh­lenden, indem sie Empathie hervorrufen.

Nicht nur reale, sondern auch fiktive oder imagi­nierte Situa­tionen können intensive Gefühle auslösen. Die fotogra­fisch insze­nierten Wirklich­keiten von Cindy Sherman und Jeff Wall sind so kompo­niert, dass das Unbehagen der darge­stellten Szenen auf die Betrach­tenden übergeht: Die stili­sierten Momente, die an bekannte Filmszenen erinnern, erzeugen eine innere Unruhe. Noch mehr Raum für eigene Imagi­na­tion lassen die Instal­la­tionen von Rebecca Horn und Mithu Sen. Fern unseres gewohnten Erfah­rungs­ho­ri­zonts wirken sie besonders exzessiv, theatral und zugleich sinnlich-poetisch. Dadurch erzeugen sie eine starke emotio­nale Spannung und machen ambiva­lente Empfin­dungen gleich­zeitig erlebbar.

Emotionen sind jedoch nicht nur Ausdruck von Verletz­lich­keit, sondern auch ein Weg, mit ihr umzugehen. Mit radikalen, oft eksta­ti­schen Handlungen schaffen Künstler wie Christian Falsnaes oder Gilbert & George nicht nur verun­si­chernde Situa­tionen, sondern setzen sich innerhalb ihrer Perfor­mances selbst ungewohnten Erfah­rungen aus und machen sich bewusst verletz­lich. Bereits vor einem halben Jahrhun­dert forderte Jürgen Klauke diese Verletz­lich­keit heraus, indem er in seiner Kunst Gender­ka­te­go­rien und tradierte Vorstel­lungen überschreitet. Ohne die Realität zu inter­pre­tieren, nähert sich On Nervous Grounds über die Kunst von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart dem Empfinden unserer hoch emotio­na­li­sierten Gegenwart und dem Ort, an dem Emotionen entstehen.

Kuratorin
Elena Engelbrechter

Kurato­ri­sche Assistenz
Linus Jantzen

Magazin

Presse