Erwin Wurm

Fichte

22. 3. — 13. 9. 2015

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»Mein Werk handelt vom Drama der Belang­lo­sig­keit der Existenz. Ob man sich ihr durch Philo­so­phie oder durch eine Diät nähert, am Ende zieht man immer den Kürzeren.«

Die Arbeiten des öster­rei­chi­schen Bildhauers Erwin Wurm (*1954) zeichnen sich durch einen ironisch-kriti­schen Blick auf das alltäg­liche Leben aus. Der „Curry Bus” vor dem Museum, ein zu einem „fetten Würstel­stand“ umgebauter Volks­wagen-Bulli aus den 1970er-Jahren, ist aus der Form gegangen. Für Wurm ist die Zu- und Abnahme von Gewicht Bildhauerei, wie er auch seine anderen Verfrem­dungen von Form, Material, Größe und Kontext als skulp­tu­rale Eingriffe in den Alltag versteht. Die schmale Ausfüh­rung von Bett und Toilette macht aus Gebrauchs­ob­jekten funkti­ons­lose und deplat­ziert wirkende Hybride. Eine ins Riesen­hafte vergrö­ßerte Kartoffel wird zur surreal-philo­so­phi­schen Denkfigur, und ein Kaminofen nimmt ausge­rechnet die Gestalt einer hitze­emp­find­li­chen „Schwe­den­bombe” (österr. für Schoko­kuss) an. Auch die Kunst­ge­schichte gerät ins Visier: „Mr. Mutt” spielt auf Marcel Duchamps Ready Made „Fountain” an, ein Urinal, das der Künstler unter dem Pseudonym Richard Mutt 1917 reali­sierte und das ihn später weltbe­rühmt machte.

„Fichte”: Der Märchen- und Mythen­wald der Deutschen steht buchstäb­lich Kopf, ist strenge Raumskulptur geworden. Und statt der Fichte sehen wir die Nordmann­tanne. Verwir­rung als kreative Strategie, wie sie der gleich­na­mige Philosoph bereits um 1800 betrieb, als er meinte, „man muss ihnen ein Misstrauen in ihre Regeln beibringen“? Oder führt der Künstler uns mit unseren Inter­pre­ta­ti­ons­an­sätzen bewusst auf den Holzweg (um im Bild zu bleiben)?

Erwin Wurm hat die Bedin­gungen der Bildhauerei, die im 20. Jahrhun­dert durch konzep­tu­elle und parti­zi­pa­tive Ansätze nachhaltig verändert wurden, grund­le­gend überprüft. Mit seinen Staub­skulp­turen, Pullover­ar­beiten, „One Minute Sculp­tures” sowie formver­än­derten Alltags­ob­jekten und mensch­li­chen Figuren hat er in den letzten 20 Jahren ein konsis­tentes bildhaue­ri­sches Œuvre geschaffen und den Skulp­tur­be­griff um inter­ak­tive, soziale und zeitliche Aspekte erweitert. Wurm entlarvt Pathos und Theatralik sowie die Absur­dität gesell­schaft­li­cher Konven­tionen und einengender Regle­ments. Seine aus der Form geratenen Objekte veran­schau­li­chen assozia­ti­ons­reich die prekäre Balance zwischen Wider­stand und Anpassung.

Von den insgesamt 45 Werken sind 20 speziell für diese Ausstel­lung entstanden. Ein Künst­ler­buch mit zahlrei­chen Instal­la­ti­ons­auf­nahmen und Collagen von Erwin Wurm sowie Texten von Björn Egging und Markus Gabriel erscheint bei aga press, Baden-Baden, ca. 112 Seiten, 19 €.

Die Ausstel­lung wird von der Volks­wagen Financial Services AG unterstützt.

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