Pieter Hugo

Between the Devil and the deep blue Sea

30. 10. 2016 — 19. 2. 2017

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Was trennt uns und was verbindet uns? Wie leben Menschen jeglicher Couleur mit den Schatten kultu­reller Unter­drü­ckung oder politi­scher Dominanz? Der südafri­ka­ni­sche Fotograf Pieter Hugo, geboren 1976 in Johan­nes­burg, geht diesen Fragen in seinen Porträts, Still­leben und Landschafts­bil­dern nach.

Nach Einzel­aus­stel­lungen im Fotomu­seum Den Haag, dem Musée de l’Elysée Lausanne, dem Müpa Budapest und der Fondation Henri Cartier-Bresson Paris, zeigt das Kunst­mu­seum Wolfsburg als erstes Museum in Deutsch­land einen umfas­senden Überblick über Serien wie „Looking aside“, „Kin“, „The Hyena & Other Men“, „Permanent Error“, „There’s A Place in Hell For Me and My Friends“ oder „Nollywood“, durch die Pieter Hugo bekannt geworden ist, sowie über die jüngst entstan­denen Projekte „1994“, „Rwanda 2004: Vestiges of a Genocide“ und „Califor­nian Wildflowers“.

Aufge­wachsen im postko­lo­nialen Südafrika, wo er 1994 das offizi­elle Ende der Apartheid erlebte, hat Hugo ein feines Gespür für soziale Disso­nanzen. Sensibel bewegt er sich mit seiner Kamera durch alle sozialen Schichten, nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Ländern wie Ruanda, Nigeria, Ghana oder China. Wie gehen Menschen jeden Alters und verschie­denster Herkunft mit ihrem histo­ri­schen Gepäck und ihren Lebensum­ständen um? In seinen Fotogra­fien erfasst Pieter Hugo die sicht­baren und unsicht­baren Spuren und Narben gelebter Biogra­fien und erlebter Landes­ge­schichte. Sein beson­deres Interesse gilt dabei den Subkul­turen einer Gesell­schaft, der Kluft zwischen Ideal und Realität. Obdach­lose, Albinos, Aidskranke, Män­ner, die Hyänen, Schlangen und Affen zähmen, Menschen, die in endzeit­li­chen Szenarien Elektro­schrott sam­meln, oder Nollywood-Schau­spieler in Kostüm und Pose finden sich in seinen Bildern genauso wie Familie und Freunde.

Seine Fotogra­fien sind hierar­chielos, zollen jedem den gleichen Respekt. Mehr Künstler als Anthro­po­loge oder Dokumen­ta­rist, verfügt Hugo über eine prägnante Bildsprache, mit der er einer­seits betont neutral und anderer­seits empathisch den „Augen­blick des Zulassens freiwil­liger Verletz­lich­keit“ (Pieter Hugo) einfängt und so Porträts von eindring­li­cher Direkt­heit und Lebens­nähe schafft. Nicht selten steht diese Mensch­lich­keit im Kontrast zur Härte der sozialen Realität, die die Menschen umgibt. Ganz in diesem Sinne wirken Pieter Hugos Still­leben und Landschafts­auf­nahmen bisweilen wie gesell­schaft­liche Kommen­tare oder Metaphern und vervollständi­gen seine sozio­kul­tu­rellen Gesellschaftsporträts.

Ausstellungskatalog
Pieter Hugo. Between the Devil and the deep blue Sea

Ralf Beil, Uta Ruhkamp (Hg.)
Mit einem Vorwort von Ralf Beil, einem Essay von Uta Ruhkamp sowie eigens erstellten Texten des Künstlers zu allen Fotose­rien bis dato, deutsche und englische Ausgabe, 304 Seiten mit 242 Abbil­dungen, Klappen­bro­schur, 25 x 30,5 cm, Gestal­tung Bureau Mario Lombardo, Prestel Verlag, Verlags­aus­gabe 49,95 €, im Museum­shop 32 €.

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Pressestimmen

Panorama der Existenz

Mit insgesamt fünfzehn Serien aus dem Zeitraum 2003 bis 2016 ist die Wolfs­burger Schau reichlich bestückt. Das Ganze ist aufwendig insze­niert mit farblich wechselnden Wänden und einem mäandernden Parcours mit einigen Extra­ka­bi­netten. Die Fotose­rien sind thema­tisch und nach ästhe­tisch-visuellen Gesichts­punkten angeordnet. So begegnet der Besucher neben den recht­losen Migranten in Ghana und den nomadi­sie­renden Schau­stel­lern in Nigeria auch Kindern aus Ruanda und Südafrika, Wildho­nig­samm­lern in Ghana, gestran­deten Familien in der Grenz­stadt Messina, der jungen Künst­ler­szene Pekings und Obdach­losen in Kalifor­nien. Im Zentrum des Augen­merks steht der Mensch als soziales und geschicht­li­ches Wesen im existen­zi­ellen Ringen, der oft unter den jeweils herrschenden Macht­ver­hält­nissen nur die Wahl zwischen Pest oder Cholera zu haben scheint – und jeder von ihnen ist einen Blick wert.

Manuela Lintl, Neues Deutsch­land, 16.05.2017

Das Plakative der Fotogra­fien, ihre Schärfe und die Brillanz der Farben lassen bei Pieter Hugos erster großer Museums­aus­stel­lung in Deutsch­land flüchtig den Eindruck von Werbe­äs­thetik entstehen. Aber das ist weit gefehlt, denn viele seiner Portraits und Still­leben erzählen trauma­ti­sche Geschichten von Gewalt, Ausgren­zung, Armut und Ausbeutung.

Matthias Reichelt, Kunst­forum Inter­na­tional, 01.05.2017

Der Fotokünstler Pieter Hugo porträ­tiert Hyänen­männer in Nigeria, Kinder in Ruanda, aber auch schla­fende Fluggäste über dem Atlantik. Das Kunst­mu­seum Wolfsburg bietet erstmals in Deutsch­land einen faszi­nie­renden Einblick in das breit gefächerte Werk des Südafrikaners.

Christina Sticht, dpa, 16.02.2017

Obdach­lose, Schrott­sammler, Albinos: Scheinbar ungerührt schaut der Fotograf Pieter Hugo auf die Menschen am Rande der Gesell­schaft. Die Porträt­auf­nahmen des Südafri­ka­ners treffen den Betrachter wie ein Faust­schlag – zurzeit im Kunst­mu­seum Wolfsburg. (…) Es hört sich vielleicht merkwürdig an, wenn man angesichts von Fotogra­fien, die aus einem unver­wech­sel­baren Kontext stammen und unter der Bürde kolonialer Geschichte geradezu bersten, von „Zeitlo­sig­keit” spricht. Aber das ist tatsäch­lich die Sensation, mit der diese Bilder eines weißen, südafri­ka­ni­schen Fotografen aufwarten: Da geht jemand mit Geschichte um, indem er ihr den Rücken zudreht und den Menschen nur – in die Augen schaut.

Rudolf Schmitz, DLR, 19.02.2017

(Pieter Hugo) zeigt solche Figuren statt in düster-natura­lis­ti­schen Sitten­ge­mälden auch in Glücks­mo­menten – etwa jenem Augen­blick, in dem eine Obdach­lose mit gespitzten Lippen einem Vogel entge­gen­zu­zwit­schern scheint. Zu erleben ist jetzt in Wolfsburg also fotogra­fi­sches Erzählen, Essay­ismus und Lyrik zugleich. Und in Fotos wie diesem alles zusammen.

Daniel Alexander Schacht, Hanno­ver­sche Allge­meine Zeitung, 22.02.2017

Seine Bilder gehen unter die Haut: Der südafri­ka­ni­sche Fotograf Pieter Hugo zeigt in seinen Porträts, Still­leben und Landschafts­bil­dern Dinge, die nicht unbedingt schön sind. Und er legt den Finger in Wunden.

Sylvia Telge, Wolfs­burger Allge­meine Zeitung, 20.02.2017

Bilder von den Grenzen des Daseins: Pieter Hugos fordernde Fotos werden im Kunst­mu­seum Wolfsburg gezeigt. Immer geht es um Menschen und um Schick­sale. Man sollte sich Zeit nehmen für den Besuch. Und für danach: Denn diese starken Eindrücke muss man erst mal verdauen.

Eva Hieber, Wolfs­burger Nachrichten , 17.02.2017

Der Müll, die Stadt und das Leben

Die umfas­sende Werkschau mit 16 Serien und rund 250 Fotos, die das Kunst­mu­seum Wolfsburg gerade zeigt, macht die außer­ge­wöhn­liche Haltung Hugos zum Abbild der Wirklich­keit schritt­weise nachvoll­ziehbar. Der südafri­ka­ni­sche Fotograf Pieter Hugo zeigt die Armen als Persön­lich­keiten, als Ikonen. Dennoch verbirgt er ihr Elend nicht. Hugo ist nicht der Goya des Müllkriegs, sondern der Vermeer des Überle­bens. Er adelt die Ärmsten als Persön­lich­keiten, als Ikonen des Tätigen, die in einem anderen Leben auch Models oder Popstars sein könnten.

Till Briegleb, Süddeut­sche Zeitung, 08.03.2017

Wo endet die Stadt, wo beginnt die Wildnis?

Sechzehn Werkgruppen der vergan­genen fünfzehn Jahre umfasst die hierzu­lande erste insti­tu­tio­nelle Einzel­aus­stel­lung des 1976 in Johan­nes­burg geborenen, in Kapstadt lebenden Fotografen Pieter Hugo, der, anfangs als Bildre­porter für Magazine und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen unterwegs, 2007 mit seiner Serie der „Hyänen­männer“ inter­na­tional bekannt wurde. … Hugo inter­es­sierte sich weniger für das Schau­spiel von Mensch und Tier als für eine archai­sche Verschmel­zung von Urbanität und Wildnis.

Georg Imdahl, Frank­furter Allge­meine Zeitung, 31.03.2017

Ein bildge­wal­tiger, technisch gleicher­maßen vielsei­tiger wie perfekter Fotograf.

Maria Brosowsky, TAZ nord, 21.02.2017

Die ehrliche Stimme Afrikas. Die Porträts von Familien und Arbeitern verbinden sich mit Landschaften und Interi­eurs. Doch gerade in seiner insze­nierten Ästhetik spiegelt es die postko­lo­niale Lebens­welt Südafrikas ohne jede falsche Harmonie.

Carsten Probst, DLF, 19.02.2017

Wild Life: Inzwi­schen hat sich Hugos Fokus auf nicht­afri­ka­ni­sche Milieus erweitert. Er erkundet die Lebens­ent­würfe junger Chinesen oder die Welt von Obdach­losen in Kalifor­nien. Hugos Kamera verleiht seiner Solida­rität mit Benach­tei­ligten, Margi­na­li­sierten und Outcasts einen klaren, unsen­ti­men­talen Ausdruck. Seine Bildin­sze­nie­rungen lassen ihre Körper und die Spuren der Geschichte auf ihnen präzise und plastisch hervor­treten. Ohne sie als Opfer zu verklären, schafft er so für seine Protago­nisten eine Bühne, auf der sie in ihrer Indivi­dua­lität und Würde sichtbar werden.

Karin Schulze, Vogue, 17.02.2017