Blow Up!

Vom Wachsen der Dinge

10. 12. 2022 — 19. 3. 2023

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Wie ein Rhizom durch­ziehen die Ausstel­lung Blow Up! unter­schied­lichste Themen unserer Zeit, die im weitesten Sinne vom Wachsen der Dinge handeln. Mit einer eindrucks­vollen Erwei­te­rung von mehr als 80 Schen­kungen aus jüngster Zeit steht auch das Anwachsen der Museums­samm­lung selbst im Zentrum der Ausstel­lung. Mit ihrer breiten medialen Vielfalt eröffnen die Werke eine impuls­ge­bende Ausein­an­der­set­zung mit psycho­lo­gisch und gesell­schaft­lich aufge­la­denen Räumen, Landschaften und Diskursen. Alle Neuzu­gänge sind großzü­gigen Sammler*innen und Künstler*innen zu verdanken.

Mit seiner unbestimmten Form und rohen Materia­lität scheint sich Blob von Phyllida Barlow als blasen­ar­tige Keimzelle seinen Weg aus der Wand in den Ausstel­lungs­raum zu bahnen. Von ähnlich archai­scher Kraft und Anmutung sind auch die kraftvoll geformten Laute der Perfor­merin aus Gary Hills Video­ar­beit Remem­be­ring Paral­in­guay, die auf eine vorsprach­liche Form der Kommu­ni­ka­tion zielen.

Deutlich offenbart Otto Piene mit seinem eindrucks­vollen pneuma­ti­schen Ensemble, den Blumen des Bösen (Fleurs du Mal, 1969), die wechsel­sei­tige Beziehung von Wachstum und Vergehen. Das Spiel mit den Natur­kräften und ‑elementen setzt sich in seinen Wandre­liefs fort, die in einen Dialog mit den „aufge­peitschten“ Keramik­bil­dern von K. O. Götz treten. Das techni­sche Spiel mit der Größe – als blow-up werden Vergrö­ße­rungen in der Fotografie oder das Heran­zoomen in Filmen bezeichnet – beherrscht auch Jochen Lempert, der seinen Tierpor­träts Indivi­dua­lität erleiht.

Unbestimm­bare räumliche Situa­tionen wie auch unmit­tel­bare physische Inter­ak­tionen mit dem Raum entwi­ckelt Adam Putnam in seinen Fotogra­fien. Mit größt­mög­li­cher emotio­naler Distanz erforscht Daniel Boudinet mittels Kamera in der Nacht das Interieur seiner Pariser Wohnung. Das Spiel mit (maximaler) Distanz und (intimer) Nähe setzt Alain Fleischer in seinen Projek­tionen auf Häuser­wände von Metro­polen fort.

Eine körper­liche Ausein­an­der­set­zung mit der Vergäng­lich­keit der dingli­chen Welt thema­ti­siert das große dreitei­lige Werk Zweisam­keitsi­ma­gi­nie­rung von Jürgen Klauke. Mit Fetisch­vor­lieben beschäf­tigt sich der Künstler Stefan Thiel, indem er die Porträ­tierten mit Nylon­strümpfen maskiert zeigt. Das Verbor­gene und Fragmen­ta­ri­sche ist auch im Werk der feminis­ti­schen Künst­lerin Wynne Greenwood präsent, die in ihrer Video­in­stal­la­tion ein Zwiege­spräch mit ihrem „ängst­li­chen Bauch“ führt und bürger­liche Konven­tionen karikiert. Als Erwei­te­rung ihres eigenen Körpers erlebt die argen­ti­ni­sche Malerin Mariela Scafati ihre Raumin­stal­la­tion aus beweg­li­chen, monochromen Leinwänden, die sie über Seilver­bin­dungen orchestriert.

Neben der Frage nach der Selbst­ver­or­tung des Indivi­duums werden auch gewach­sene gesell­schaft­liche Struk­turen kritisch hinter­fragt. So spielt das Verdrängen in der Ausein­an­der­set­zung mit der US-ameri­ka­ni­schen Geschichte und Gegenwart eine zentrale Rolle. Rodney McMillian übt hier mit seiner raumgrei­fenden Instal­la­tion Kritik an Rassismus und patri­ar­chalen Macht­struk­turen. Der Urtypus der US-ameri­ka­ni­schen Archi­tektur, die Block­hütte des weißen Mannes, steht hingegen für Olga Koumoun­douros im Fokus ihrer Skulptur Sagamore: The Good Life. In einer weiteren Werkserie kriti­siert sie die tief in der ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft verwur­zelte Waffen­be­geis­te­rung, während Fred Lonidier 1972 die Festnahmen friedlich gegen den Vietnam­krieg Protes­tie­render als Groteske dokumen­tierte. Bissig kommen­tiert Johannes Wohns­eifer mit dem Titel seines Flaggen­bildes das Erbe des westli­chen Kolonia­lismus: not a flag not even a map.

Das Konzept terri­to­rialer Grenzen hinter­fragt Nathan Carter mit seiner trans­na­tio­nalen Karto­grafie in bewusst naiver Ästhetik. Das Scheitern von Grenz­über­win­dungen infolge von Flucht und Migration legt Tejal Shah mit der Darstel­lung lebloser Körper von „Boatpeople“ offen. Zum Kampf für die Werte der Demokratie ruft auch Jordan Wolfsons Filmar­beit I’m sorry but i don’t want to be an Emperor auf, indem er in Gebär­den­sprache Charlie Chaplins Rede aus der Parodie Der große Diktator wieder­gibt. Unter­dessen scheint sich der Blob von Phyllida Barlow zum Ende der Ausstel­lung zu einer überdi­men­sio­nalen Überwa­chungs­ka­mera aufge­bläht zu haben, welche die Omniprä­senz des „Big Brother“ thematisiert.

Künstler*innen in Blow Up! Vom Wachsen der Dinge

Phyllida Barlow, Daniel Boudinet, Nathan Carter, Alain Fleischer, K. O. Götz, Wynne Greenwood, Gary Hill, Jürgen Klauke, Olga Koumoun­douros, Jochen Lempert, Fred Lonidier, René Lück, Michel Majerus, Rodney McMillian, Otto Piene, Adam Putnam, Mariela Scafati, Tejal Shah, Stefan Thiel, Goran Tomcic, Johannes Wohns­eifer, Jordan Wolfson

Kurator*in:
Dr. Holger Broeker
Elena Engelbrechter

Mariela Scafati, Se aleja y se acerca (It moves away and it gets closer), 2021, Instal­la­tion, Acryl auf 10 Leinwänden, Maße variabel (Ausschnitt), © Mariela Scafati, Foto: Marjorie Brunet-Plaza, Schenkung Jochen und Christof Beutgen, Berlin

Michel Majerus (1967–2002) hat in seiner kurzen Lebens­zeit – er starb im Alter von nur 35 Jahren bei einem Flugzeug­un­glück – eines der prägnan­testen maleri­schen und instal­la­tiven Werke der 1990er-Jahre geschaffen. Die deutsch­land­weite Ausstel­lungs­reihe Michel Majerus 2022 widmet sich zwanzig Jahre nach seinem Tod verschie­denen Werkphasen und Aspekten seines außer­ge­wöhn­li­chen Schaffens, das bis heute Künstler*innen jüngerer Genera­tionen beeinflusst.

Das Kunst­mu­seum Wolfsburg präsen­tiert im Rahmen von Blow Up! das zehn Quadrat­meter große Gemälde What looks good today may not look good tomorrow (1999) aus seiner Sammlung und stellt der Ausstel­lung Michel Majerus. Data Streaming im Hamburger Kunst­verein (12. 11. 2022 – 12. 2. 2023) die raumgrei­fende Instal­la­tion The space is where you’ll find it (2000) zur Verfügung.

Michel Majerus, What looks good today may not look good tomorrow, 1999, Acryl auf Leinwand, © Michel Majerus, Foto: Marek Kruszewski