Re-Inventing Piet.

Mondrian und die Folgen

11. 3. — 16. 7. 2023

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Von Kleidern und Kosme­tik­ver­pa­ckungen über Uhren, T‑Shirts, Taschen bis hin zu ganzen Häuser­fas­saden – wer kennt sie nicht, die eingän­gige und schnell wieder­erkenn­bare Gestal­tung von Alltags­ob­jekten, die sich so unver­krampft wie unver­blümt an den abstrakten Kompo­si­tionen eines der bedeu­tendsten Künstler des 20. Jahrhun­derts bedienen: Piet Mondrian. Immer wieder hatte er gefordert, Kunst und Leben mitein­ander zu verbinden und tatsäch­lich sind seine Werke und ihre Varia­tionen in zahllose Bereiche des Lebens visuell einge­drungen. Ausgehend von Werken seiner wichtigsten Schaf­fens­phase bietet die Ausstel­lung anhand von rund 150 Kunst­werken und Objekten einen Einblick in die facet­ten­reiche Ausein­an­der­set­zung mit dem neoplas­ti­schen Hauptwerk Piet Mondrians.

Wie kaum ein anderer schaffte es Piet Mondrian (geboren 1872 im nieder­län­di­schen Amers­foort, gestorben 1944 in New York, USA) binnen weniger Jahre, sich von der figura­tiven Malerei loszu­sagen und einen richtungs­wei­senden abstrakten Malstil zu entwi­ckeln, den er in seinen umfang­rei­chen kunst­theo­re­ti­schen Schriften als „Neue Gestal­tung“ oder „Neoplas­ti­zismus“ bezeich­nete. Mondrians vermeint­lich schlichte Kompo­si­tionen aus zunächst schwarzen Linien und farbigen Recht­ecken auf weißem, hellblauem oder grauem Grund haben die Kunstwelt nichts weniger als revolu­tio­niert. Und obwohl seine neoplas­ti­schen Werke für viele schwer zugäng­lich waren, ist keine andere künst­le­ri­sche Position im 20. und 21. Jahrhun­dert so oft und so vielfältig zitiert, kopiert, variiert, appro­pri­iert, adaptiert oder persi­fliert worden wie die Piet Mondrians – von der Mode, der Werbung, der Archi­tektur, dem Design und vor allem von der Kunst selbst. Eine Auswahl von Werken Piet Mondrians aus der Zeit von 1913–1936 wird in einem zentralen Rundbau in der Ausstel­lung präsentiert.

Das parti­zi­pa­tive Projekt „Bring your own Mondrian“, bei dem alle Besucher*innen einge­laden sind, „Mondri­ana­lien“ aus ihrem Umfeld mitzu­bringen, offenbart zu Beginn der Ausstel­lung die Vielfalt der Adaptionen und die kommer­zi­elle Verein­nah­mung der „Marke Mondrian“. Zur Popula­ri­sie­rung seines Werks und zum Einfluss in viele Lebens­be­reiche haben bereits in den 1960er-Jahren die berühmten Cocktail­kleider von Yves Saint Laurent beigetragen, Mondrians Ideen buchstäb­lich in die Öffent­lich­keit zu tragen. Den Aufstieg zur Luxusware in der Fashionin­dus­trie thema­ti­siert Sylvie Fleury in ihren Arbeiten.

Zahlreiche Beispiele aus dem nieder­län­di­schen Umfeld der De Stijl-Bewegung, der auch Mondrian angehörte, zeigen, dass in den 1910er-Jahren auch Künstlerkolleg*innen wie Bart van der Leck, Theo van Doesburg und Gerrit Rietveld nach neuen Formen der Gestal­tung strebten. In Paris betei­ligte sich Mondrian später in den am Konstruk­ti­vismus ausge­rich­teten Verei­ni­gungen Cercle et Carré, der auch Sophie Taeuber-Arp, Jean Gorin und Kurt Schwit­ters angehörten, sowie Abstrac­tion-Création, zu der u.a. Marlow Moss und Władysław Strze­miński zählten.
Nach seiner Emigra­tion in die USA 1940 lernte Mondrian neben einigen anderen Künstler*innen auch Lee Krasner kennen, mit der er die Vorliebe für Jazz und die Idee von Rhythmus in der Malerei teilte.

Die nachfol­gende Rezeption von Mondrians bahnbre­chenden Kompo­si­tionen und seinen Einfluss auf folgende Künstler*innen-Generationen stellt die Ausstel­lung unter verschie­denen Aspekten vor. Werke etwa von Hal Busse, Mary Heilmann, Sarah Morris oder François Morellet/Tadashi Kawamata stehen im Spannungs­feld von Konstruk­tion bzw. Dekon­struk­tion. Mittels unter­schied­li­cher Strate­gien und im Rahmen ihres eigenen indivi­du­ellen künst­le­ri­schen Ausdrucks setzen sich eine Reihe der Künst­le­rinnen mit Mondrian konstruktiv, adaptiv oder zitathaft ausein­ander. Über Projek­tionen werden in einem der Ostka­bi­nette des Museums Beispiele von Mondrian-Adaptionen aus dem Archi­tek­tur­be­reich präsen­tiert (u.a. Yacoov Agam).

Der Bereich der Rekon­struk­tionen bietet eine Auswahl von Werken, die im Zwei- oder Dreidi­men­sio­nalen entweder konkrete Bilder von Mondrian nachbilden oder die im Stil von Mondrian gearbeitet sind: In Anlehnung an Mondrians letzte Arbeits­phase besteht Tom Sachs’ Bild ausschließ­lich aus Klebe­bän­dern und die exakt rekon­stru­ierten „Mondrians“ von Gregor Hilde­brandt sind aus verschie­den­far­bigen Tonbän­dern gefertigt. Die materiell wie malerisch bewusst schludrig geschaf­fenen „Tafel­bilder“ von Mathieu Mercier stellen eine bewusst ironisch-subver­sive Ausein­an­der­set­zung dar.

Subversiv-provo­kativ ist auch der Titel von Dennis Oppen­heims Skulptur, mit dem er sugge­riert, dass es sich um einen „explo­dierten Mondrian“ handele. Aus einer formalen sowie kultu­rellen Distanz heraus setzt sich Remy Jungerman mit Mondrian ausein­ander, indem er dessen moder­nis­ti­sche Ästhetik mit Verweisen auf die Maroon-Kultur und mit westafri­ka­ni­schen Elementen verbindet und zugleich den westli­chen Kunst­kanon hinter­fragt. Mit einer radikal-ikono­klas­ti­schen Geste schreitet Iván Argote in seinem kurzen Video zur Tat, als er zwei berühmte Gemälde im Pariser Centre Pompidou vermeint­lich mit Sprüh­farbe bedeckt und somit den Wert von Kunst infrage stellt.

Unter dem Aspekt Reflexion und Rezeption nähert sich Joseph Kosuth auf einer konzep­tu­ellen Ebene den Bildern Mondrians, indem er innerhalb eines typischen neoplas­ti­schen Linien­geflechts verschie­dene State­ments aus Mondrians Schriften zitiert. Auch Claudia Angel­maier und Melissa Gordon dringen tief in die Rezep­ti­ons­ge­schichte ein, indem sie sich auf die Sekun­där­li­te­ratur zu Mondrian beziehen. Jörg Sasse spürt in seiner Fotografie der Migration von Mondrian-Anleihen in der Gestal­tung von Alltags­ge­gen­ständen der Nachkriegs­zeit nach.

Die Erfolgs­ge­schichte von Piet Mondrians neoplas­ti­scher Kunst liegt haupt­säch­lich in der vermeint­lich einfachen und zugleich schnell wieder­erkenn­baren Kombi­na­tion aus recht­wink­ligen Gestal­tungs­struk­turen und der Beschrän­kung auf die drei Primär­farben Rot, Gelb und Blau begründet. Kogni­ti­ons­psy­cho­lo­gisch scheint es zu genügen, in bestimmten Farb- und Formkon­stel­la­tionen mondria­neske „Bilder“ zu entdecken, wie die Arbeiten von John Bodin, Philippe Calia und Saul Leiter offenbaren.

Künstler*innen der Ausstellung

Bas Jan Ader, Yaacov Agam, Claudia Angel­maier, Iván Argote, Amber Ambrose Aurèle, John Baldessari, Michael Barnaart van Bergen, Georg Baselitz, Max Bill, Anna & Bernhard Blume, John Bodin, Corrado Bonomi, KP Brehmer, Mark Brusse, Hal Busse, Philippe Calia, Miguel-Ángel Cárdenas, Lygia Clark, Corneille, Theo van Doesburg, César Domela, Jacob van Domselaer, Lajos d’Ebneth, Cornelis van Eesteren, Tim Eitel, Ndidi Emefiele, Ernest T., Erró, Cornelis van Eesteren, Ian Hamilton Finlay, Sylvie Fleury, Simon Freund, Ryan Gander, General Idea, Isa Genzken, Torben Giehler, Fritz Glarner, Melissa Gordon, Torben Giehler, Jean Gorin, Camille Graeser, Joachim Grommek, Dieter Hacker, Ian Hamilton Finlay, Mary Heilmann, Gregor Hilde­brandt, Alfred Hrdlicka, Vilmos Huszár, Remy Jungerman, Barbara Kasten, Hiroshi Kawano, Tadashi Kawamata, Hiroshi Kawano, Anselm Kiefer, Martin Kippen­berger, Jakob Lena Knebl, Imi Knoebel, Krijn de Koning, Joseph Kosuth, Lee Krasner, Germaine Kruip, Louise Lawler, Bart van der Leck, Saul Leiter, Sherrie Levine, Erik van Lieshout, Cristina Lucas, Mathieu Mercier, Piet Mondrian, Jonathan Monk, Thomas Moor, François Morellet, Sarah Morris, Marlow Moss, Robert Mother­well, Simon Mullan, Hélio Oiticica, Dennis Oppenheim, Eduardo Paolozzi, Claudio Parmig­giani, A. R. Penck, Gerrit Rietveld, Peter Rozemeijer, Tom Sachs, Yves Saint Laurent, Jörg Sasse, Kurt Schwit­ters, Bongchull Shin, Kathryn Sowinski, Daniel Spoerri, Magnus von Stetten, Władysław Strze­miński, Grzegorz Sztwiertnia, Sophie Taeuber-Arp, Gerold Tagwerker, Timm Ulrichs, Bolesław Utkin, Lois Weinberger, Ben Willikens, Sebastian Winkler, Piet Zwart.

Konzept und Kurator
Andreas Beitin

Co-Kuratorin
Elena Engelbrechter

Kurato­ri­sche Assistenz
Carla Wiggering

Piet Mondrian, Tableau No XI, 1925, Öl auf Leinwand, 38,5 x 34,5 cm, Stadt Krefeld, Kunst­mu­seem Krefeld, Foto: Kunst­mu­seen Krefeld – Volker Döhne/ARTOTHEK
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Publikation

Presse

„Willkommen im Mondrian-Archipel.“

Jens Hinrichsen, Monopol, März 2023

„Nie fiel es […] so leicht, Mondrian als epochalen Künstler zu bewundern, wie in dieser grandiosen Ausstel­lung, die vorführt, auf wie viele Arten man sich an einem großen Vorbild abarbeiten kann.“

Art Magazin, Juli 2023, Wolfgang Ullrich

„Dass es also in diesen bitteren Zeiten auch was zum Lachen oder allemal zum Schmun­zeln gibt, ist nahelie­gend und allein einen Ausstel­lungs­be­such in Wolfsburg wert. Freilich verführt auch die Künst­ler­liste – von Theo van Doesburg über Francois Morellet und Sylvie Fleury bis zu Mathieu Mercier.“

Infor­ma­ti­ons­dienst Kunst, 9. März 2023

„Eine groß angelegte, fabel­hafte Ausstel­lung im Kunst­mu­seum Wolfsburg“

Hanno­ver­sche Allge­meine Zeitung, Michael Stoeber, 10. März 2023

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